Wenige Minuten von der Westautobahn-Abfahrt Enns entfernt kocht ein Rapidler so richtig auf: Karl Wendtner ist Sportvereins-Präsident, Fanklub-Obmann und grün-weißer Wirt aus Leidenschaft. Ein Lokalaugenschein.

„My home is my castle“ lautet ein bekanntes britisches Sprichwort. Und tatsächlich: Karl Wendtners zuhause ähnelt äußerlich wirklich einem Schloss. Mit einem Unterschied: Der schmucke Vierkanter des Mostviertlers beherbergt nämlich keine Prunksäle und keinen Arkadenhof, sondern ein Wirtshaus. Genauer: Ein bodenständiges, grün-weißes Wirtshaus. Mit Rapid-Wappen über dem Eingang, einer in den Vereinsfarben gehaltenen Fassade und einer Omnipräsenz des Hauptstadtklubs, die nicht nur in anderen Gaststuben ihresgleichen sucht. Da finden sich beispielsweise Fotos von Hütteldorfer Legenden an der Wand. Daneben eine gerahmte Rapid-Aktie, darüber erinnern zwei Trikots an ein SCR-Gastspiel beim SC St. Pantaleon-Erla vor etwas mehr als zwei Jahren, und aus dem Zapfhahn sprudelt süffiges Bier. Herrlich!

Charly, wie den Rapid-Wirten hier alle nennen, ist aufgeregt. Ob aufgrund unseres Interviews, oder weil er einfach nichts von seiner ganz persönlichen Rapid-Geschichte verges- sen will, wird nicht ganz klar. Ist aber auch egal. Zehn Jahre sei er alt gewesen, erzählt er, als er sich 1973 den Rapid-Virus einfing. „Da ging gerade der Stern von Hans Krankl auf – mein Idol!“ Trotzdem sollte es bis 1989 dauern, ehe der Mostviertler das erste Mal das Hanappi-Stadion von innen sah. „Bei einem 0:0 gegen die Austria.“ Charly ließ sich von der matten Darbietung nicht abschrecken und kam wieder. Von 2007 an hatte er gleich drei Abos auf der Süd, auswärts ist er international immer dabei. „Ich habe keine der letzten 26 Auslandsreisen verpasst.“ Wie sich das mit dem Geschäft verträgt? Charly grinst. Alles klar, da ist ein Rapidler Wirt und nicht umgekehrt. Dafür spricht auch, dass die Idee zum Rapid-Wirten nicht von ihm selbst stammt, sondern von Baumeister Franz Fröschl. „2007 haben wir die Fassade neu gemacht und der Franz hat gesagt: ,Du wirst ab jetzt der Rapid-Wirt‘ und so bin ich jetzt in der Umgebung auch bekannt. Wenn in St. Pantaleon ein Begräbnis ist, dann sagt der Pfarrer, dass das Totenmahl, die Zehrung, beim Rapid-Wirt ist. Keiner sagt mehr Gasthaus Wendtner.“

Am Nebentisch sitzen drei stämmige Herren und nicken. Zwei davon sind Söhne des erwähnten Baumeisters. Sie lächeln. Wie ich später erfahre, machen sie aber nur gute Miene zum bösen Spiel. Beim Asphaltschießen im Dorf sind sie mit ihrer Mannschaft gerade eben nur Letzte geworden. Charly konnte mit seinem Team zwar auch nicht gewinnen, Platz 6 von 14 kann sich aber immerhin sehen lassen. Charly schmunzelt. Wegen des Asphaltschießens? „Nein, aber wenn meine Eltern gewusst hätten, dass ich das Bauernhaus irgendwann grün runterfärbel und ein Rapid-Wappen vorne drauf male, hätten sie mich wahrscheinlich enterbt. Sie waren Bauern und ich bin auch Landwirt. Dazu aber auch Gastwirt, Obmann des Sportvereins St. Pantaleon und eben Rapid-Fan.“

Pause. Charly muss einige neue Gäste bedienen, mir stellt er nebenbei ein neues Bier auf den Tisch. Harry, ein Freund und Schulkollege von Charly und Grillmeister beim Rapid-Wirten setzt sich zu mir. „Rapid ist seine Liebe, da geht nichts drüber“, erklärt er, der Verein sei sein Ein und Alles. Probleme bereite diese Faszination für den SCR allerdings dann und wann familienintern „Sein Bruder ist ein Violetter, aber dafür kommen sie eh gut miteinander aus.“ Harry lacht laut auf. Währenddessen setzt sich Charly wieder zu uns an den Tisch und ergänzt, dass er ja auch Obmann eines Rapid-Fanklubs sei: Grünweiß Enns-Donauwinkel mit 120 Mitgliedern – 55 davon seien auch bei der Stadion-Eröffnung dabei. „Mein Rapid-Höhepunkt war aber mein 50er. Das ganze Rapid-Klubserviceteam war hier. Andy Marek und auch Steffen Hofmann samt seinen netten Schwiegereltern. Die Feier war am 11. Oktober 2013 – den Steffen hat mein Personal eingeladen. Das war eine Überraschung!“

Auch sonst hat Rapid hier in der Gaststube und im Dorf eine Menge Spuren hinterlassen. Drei Mal war die Kampfmannschaft da und hat gegen St. Pantaleon-Erla gespielt. Und erst gestern hat der Fanartikel-Bus auf der Durchreise hier Halt gemacht. Auch der frühere Präsident Rudolf Edlinger ist zwei Mal zu Charly gekommen, als er auf dem Weg nach Linz zu Spielen gegen den LASK war. „Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Besuch des neuen Präsidenten“, sagt Charly und spricht gleich eine Einladung auf die Spezialität des Hauses aus; den Rapid-Wirt-Burger. Ich darf in die Küche und Charly bei der Zubereitung helfen, nach der Stärkung geht es in den Stadl. Warum das? Weil dort Charlys grün-weißer Traktor parkt. Er hat ihn extra umlackieren lassen und ich soll ihn nun probefahren. Klingt lustig, ist schwieriger als gedacht, bestätigt aber einmal mehr: Hier ist ein Wirt nicht auch Rapid-Fan, sondern ganz und gar umgekehrt.

 

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