Das neue Jahr war gerade fünf Tage alt, als Edvin Orascanin für einen ersten grün-weißen Höhepunkt sorgte: Der Youngster traf beim Mercedes-Benz Junior Cup in Sindelfingen für Rapid II gegen die Altersgenossen vom VfB Stuttgart im Stile Zinédine Zidanes. Das Video seines spektakulären Treffers – mit einer Drehung hatte er den Torhüter in vollem Lauf düpiert (Link zum Video) – verbreitete sich in der Folge tausendfach viral und versüßte uns den tristen Fußball-Winter, der hierzulande seit Jahren nur noch ballesterische Magerkost bietet.

Das war nicht immer so: Orascanins Treffer weckte Erinnerungen an Zeiten, als das Wiener Stadthallen-Turnier nach den Weihnachts-Feiertagen die Massen begeisterte. Auch wenn die Veranstaltung am Vogelweidplatz historisch eher von Violett dominiert wurde, war die Atmosphäre dort doch eine ganz spezielle. Immer wieder überraschten Underdogs mit technischen Finessen und spektakulären Partien. Und immer wieder gelang es Kadermitläufern, dort nicht für möglich gehaltene Ausrufezeichen zu setzen. Gerade für Kinder und Jugendliche war das Turnier ein tolles Erlebnis und eine gute Möglichkeit, Autogramme der Idole abzustauben. Und zu begeistern wusste (natürlich!) auch der Rapid-Support in der oberen Ecke der Südtribüne. Gegenüber der violette Gegenpart, den man aufgrund der tiefliegenden Decke – oder mangels Besucher 😉 – meist nicht zu Gesicht bekam.

Kürzere Winterpausen, hohes Verletzungsrisiko, Verkommerzialisierung des Turniers: Es mag rationale Gründe geben, warum der Bandenzauber nicht mehr stattfindet. Dennoch fehlt heute mit dem Stadthallen-Turnier eine lange währende Konstante im österreichischen Fußball, die auch unserer rot-weiß-roten Seele schmeichelte. Während der DSF die langweiligen Spiele deutscher Vereine auf eigenartigen Plastikbelägen übertrug, wurde hierzulande hochklassig gekickt. Das WFV-Hallenturnier im Ferry-Dusika-Stadion ist heute eine letzte, kleine Erinnerung an die großen Zeiten des von Pepi Argauer initiierten und 1959 erstmals gespielten Wiener Stadhallen-Bewerbs.

Über die letzten Jahre des Turniers sollte man zwar eher den Mantel des Schweigens hüllen, für Rapid war die Halle aber meist ein guter Indikator für den weiteren Saisonverlauf: Erinnern wir uns zurück an den Turniersieg 1994/95 mit einem überragenden Maciej Sliwowski, als im Anschluss Cupsieg, Europacup-Finale und Meistertitel folgten. Oder denken wir an 2003/04, als Rapid im wohl dramatischsten Finale aller Stadthallen-Zeiten die Austria mit 6:5 nach Verlängerung besiegte. Nach 0:2-Rückstand gelang eine 5:2-Führung, der damalige FK Magna kam aber noch einmal auf 5:5 heran. In der Verlängerung musste pro Mannschaft jede Minute ein Spieler das Parkett verlassen, ehe Ivanschitz einen Fehler von Sáfár und Michael Wagner ausnutzte und den Ball vor den Augen des enttäuschten Bundesliga-Vorstands Peter Westenthaler ins leere Tor bugsierte. Die Halle bebte, der erste Titel für Rapid nach sechs Jahren. Eineinhalb Jahre später folgten Meistertitel und Champions League-Teilnahme. Nicht zu vergessen die emotionsgeladenen Legenden-Begegnungen, die alleine Grund genug wären, um das Turnier wiedereinzuführen. Und genau das wollen wir auch: Die langen Winterpausen schmerzen – gebt uns das Stadthallen-Turnier zurück!

5 Kommentare

  1. Ja, schön war das damals!
    Heutzutage scheint man das Dank übervollem Terminkalender bei den Vereinen kaum mehr unterzukriegen. Und finanziell dürfte es auch keinen Anreiz mehr geben.
    Der Besuch fand auch immer mit einem Violetten an meiner Seite statt 😉

    • Julian Schneps

      Leider hat sich der Fußball dahingehend zu stark verändert, vom Terminkalender her und von der Gesamtsituation…und die Generation Flanke-Kopfball-Tor war für die Halle in den letzten Jahren auch nicht gerade förderlich…

  2. Jürgen Zacharias
    Jürgen Zacharias ein

    Heute in der Krone übrigens auch Peter Klöbl mit einem Kommentar zum Thema: „Sara und Pacult liebten den Bandenzauber, sich über die Weihnachtsfeiertage Zehntausenden Fans in der Halle zu präsentieren war viele, viele Jahre lang Tradition und für die Kicker-Stars keine lästige Verpflichtung, sondern Freude und Spaß pur. Klar haben sich die Zeiten geändert, ist der Terminkalender voller geworden, die Weihnachtspause kürzer – aber einen Gedanken wäre ein ‚Kurzturnier‘ knapp nach Silvester allemal wert. Pläne dafür liegen angeblich schon in diversen Schubladen (u.a. Hybrid-Kunstrasen statt Parkett, um die Verletzungsgefahr zu mindern), jetzt liegt’s vor allem an den Wiener Großklubs, den Traum vieler Fans wieder Realität werden zu lassen. Die Austria will, Rapid ziert sich. Noch …“

Hinterlasse einen Kommentar