Folgender Erlebnisbericht ist ein Gastkommentar eines lieben Freundes:

Ich bin Austria-Sympathisant. Fan war ich mal, damals, mit Abo und Allem. Irgendwann ging mir der Kick aber derart auf die Nerven, dass ich mit diesem Kapitel abgeschlossen habe und auf die Couch, zu den andren Muppetshow-Nörglern, übersiedelte.

Es war eine Zeit, wie sie auch Rapid gerade durchmacht, zwar etwas länger damals, aber durchaus vergleichbar. Es gab kein Match zu dem man gehen konnte und sichere drei Punkte daraus erwartete, eher Gegenteiliges wurde befürchtet. Durch einen glücklichen Umstand ergab sich, dass Freund W. ein Abo übrig hatte und mich gefragt hat, ob ich nicht mitkommen wolle, Rapid gegen Admira stand am Plan. Wieso nicht, neues Stadion anschauen kann nicht schaden. Vielleicht finde ich ja dabei auch heraus, warum trotz fraglicher Performance trotzdem die Zuschauerzahlen um die 20k pendeln.

Die Vorzeichen mit den sieglosen Partien und der langen Verletztenliste spare ich mir hier jetzt, es steht nicht Gut um die Grünen, aber Admira, das sollte ja machbar sein. Wie sehr ich nur falsch lag.
Am Weg nach Hütteldorf die ersten Eindrücke von den Fans. Die Hoffnung geht um, erste Heimpartie 2017, es geht wieder los. Gesprächsthema war aber verblüffenderweise dann doch meist der Stadtrivale, welcher am selben Tag auswärts die Grazer mit 4:0 abgeschossen hat. Ein Hauch von Neid war spürbar, auch saß der Stachel des späten Ausgleichs im Derby die Woche zuvor anscheinend immer noch tief.

Ankunft Stadion. Nach einer Kontrolle am Eingang, welche aus einer optischen Musterung und Durchwinkung bestand, begaben wir uns auf die Plätze. Ich grüsste den Sitzplatznachbar von W. mit Handschlag, es sollte sich herausstellen, dass er ein Random Mann um die 80 ist, keinerlei nähere Bekanntschaft, hätte ich mir also auch schenken können. Oder eben auch die restliche Sitzreihe persönlich begrüssen. Aber er wirkte so herzlich, als würde er W. bereits seit seiner Geburt kennen, sein Opa quasi. Das muss dieses Rapid-Familien-Ding sein. Block West macht Stimmung, Himmelsrichtungen hin oder her, es ist “die West”, Punktum.

Der Kick war grottig, wirklich grottig. Am Ende 0:0, keinerlei Leidenschaft, Pfiffe von den Rängen. Ich kenn das aus Favoriten nur zu gut, da wurde aber auch schon während der Partie gerne gepfiffen, was ich hier nicht behaupten kann. Zwei Wochen später, die Dosen kommen nach Hütteldorf, ich bin wieder dabei.

Bei der Anreise sind Unterschiede zum Letzten mal erkennbar, Austrias 0:3 vom Vortag – geschenkt. Ein Bub klammert sich bereits an den möglichen Cup-Sieg, welcher doch noch eine internationale Teilnahme bedeuten würde. 22 Jahre ist der letzte grüne Sieg in dem Bewerb her, ich will ihm seine Hoffnung aber nicht nehmen und schmunzle. Im Übrigen wars recht ruhig, man wusste was kommt, so stelle ich mir eine Fahrt an die Front vor, wie im Film. Aber niemand kotzte, das war gut.

Am Eingang erörterte ein hinter mir in der Schlange Stehender, dass “den oarschloch Regen jetzt aber wirklich niemand braucht hat”. Sehe ich auch so.

Selbes Prozedere, es werden zwei Rapid Lieder gesungen, alles laut und mit Begeisterung, man applaudiert sich danach selbst. W.’s Sitznachbar liest den Text von seinem Schal ab. Leider ist nur die erste Strophe darauf abgedruckt und daher muss er die zweite mitmurmeln, weil er nicht bis zur Anzeigetafel sah. Stimmung ist eindeutig, hier wird nichts erwartet heute, bitte keine Abschlachtung, alles andere ist egal.

Support ist wieder grandios, man versteht langsam, warum man vereinsseitig gerne mal beide Augen zudrückt, wenn der im Süden gelegene Block West mal wieder unterschiedliche Ansichten der Zivilisiertheit hat. Es ist der USP, fertig. Von den Längsseiten kommt fast nichts, das kenne ich aus Favoriten anders.
Der beste Teil, ein Fußballspiel komplett objektiv zu besuchen, ist definitv, die Entscheidungen am Spielfeld mit denen des Publikums zu vergleichen. Entgeht ein Herr im Dosenoutfit nur knapp einem Mord, wird dem heldenhaften Grünen (trotz miesem Timings) ein “guat gmocht” attestiert. Fällt ein Grüner aus Unvermögen um und es folgt keine Karte für den am nächsten stehenden Gegner, geht die Post ab. Abseits gibts nur auf einer Seite des Platzes, dort dafür immer. Wird zu lange gezaudert mit einem Schuss oder Abspiel, wird viel geschimpft, aber nicht so wie in Favoriten, eher wie mit dem eigenen Kind, dem man dann doch nicht lange böse sein kann weils die Vase runtergeschmissen hat. Macht er danach was Gutes ist er wieder ein Held, ist ja doch “einer von uns”.

In der Halbzeit entnehme ich einer Qualitätsgazette, welche zwei Reihen unter mir konsumiert wird: “Bei Niederlage droht das Pulverfass zu explodieren!”. Für mich war die Stimmung zu lethargisch, als dass hier irgendwas explodieren könnte.

71. Minute, Freistoss RedBull, unverdiente Führung, Totenstille. Aber nur kurz, denn der Support war sofort wieder da und forderte den Ausgleich.

Rapid-Viertelstunde, alle wollen den Ball ins Tor klatschen und die Grünen taten alles, was ihnen möglich war, am Ende reichte es nicht. Gespannt ob des Pulverfasses erwartete ich die post-game Reaktion der Fans.

Wo gegen die Admira ein Pfeifkonzert folgte bedankte sich die Mannschaft heute vor “der West” und erntete Beifall, wie auch vom Rest der Tribünen. Was war da los? Schätzen die Leute Leistungen also realistisch ein? Von Pulverfass keine Spur, was die vorher erwähnte Qualitätsgazette nicht daran hindern wird, einen solchen herbeizuschreiben. Fakt ist: Leistung wird hier richtig eingeschätzt und auch so goutiert, das wundert mich nach der absolut verzerrten Wahrnehmung während des Spiels dann doch etwas.
Und – sie werden wieder kommen, Rapid ist ein Teil von ihnen, egal ob er grade eine oder zehn Vasen hintereinander kaputt gemacht hat.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von Forza Rapid.

3 Kommentare

  1. Also…….Ich komme aus dem südlichen NÖ. Bin seit eh und jeh ein Grün-Weißer.
    Habe aber berufsbedingt erst seit letzten Herbst die Möglichkeit „meine“Rapidler öfters live zu sehen.
    Ich bin wirklich fasziniert von der Westtribühne. So etwas findet man in Europa nirgendwo.Ich kann das sagen,da ich sehr viel in Europa unterwegs war und mir sehr viele Spiele angesehen habe. Durch Freunde wurde ich immer wieder über Rapid auf den laufenden gehalten. Auch über die Fans. Die meisten Nachrichten waren allerdings negativ. Ausschreitungen,Böller usw.
    Jetzt kann ich mir mein eigenes Bild davon machen.Und……ich muss sagen dass ich schwerst beeindruckt vom Block West bin. Stimmung vom Anfang bis zum Schluss. Das gibts nirgendwo.
    Auch nicht dort wo die Mannschaft ganz überlegen an der Tabellenspitze liegt.
    In Zeiten wie diesen erkennt man den richtigen Fan.
    Alleine für die großartigen Fans würde ich mir schon ein bissal Erfolg wünschen. Der kommt auch bestimmt.Freue mich schon auf das Spiel in Graz und auf die besten Fans in Europa!!

    • Der BW ist Spitze, keine Frage. Aber zu sagen „So etwas findet man in Europa nirgendwo.Ich kann das sagen,da ich sehr viel in Europa unterwegs war und mir sehr viele Spiele angesehen habe.“ ist dann vielleicht etwas übertrieben. Außer deine Reisen haben dich nach Barcelona, Paris und London geführt. Aber du warst wohl noch nie in Griechenland, Serbien, Polen, etc. auf einem Spiel. Nicht falsch verstehen, der BW ist für österreichische Verhältnisse unerreichbar sensationell. Europaweit auch bekannt, klar. Aber immer wieder dieses „das gibts in ganz Europa nicht“ ist Blödsinn.
      Zum Artikel: fein geschrieben, war sehr interessant zu lesen. So wie auch immer das Forza Rapid. Weiter so Jungs!

      • gottfried ein

        Die Wahrnehmung mag da sehr subjektiv sein. Es ist auch die Frage, welche Maßstäbe man anlegt. Größe, Treue, Choreos? Ich selber bin nie sicher, wie ernst das gemeint ist und glaube auch meist ein gewisses Augenzwinkern rauszulesen 😉 Und wenn mich wer fragt: natürlich die besten, eh kloa!

        Danke auf jeden Fall für eure Kommentare! Und das Lob gebe ich gerne weiter 🙂

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