Fussballtaktik wird oft gleichgesetzt mit Zahlenkolonnen wie 4-2-3-1 oder 4-1-4-1. Rückschlüsse auf die tatsächliche Spielweise eines Teams erlauben diese Angaben laut Stefan Oesen aber nur bedingt. Der Video-Analyst des SCR gibt Forza Rapid Einblicke in seine Welt der Zahlen, Spielbetrachtungen und taktischen Feinheiten.

Auch, wenn er in seinen kurzen Hosen und dem legeren T-Shirt nicht so aussieht: Matthew Benham ist ein Fußball-Revolutionär. Mit mathematischen Modellen und statistischen Analysen hat der versierte Physiker ein Wettvermögen gemacht und sich dann – was liegt näher? – mit dem FC Brentford auch selbst im Sport engagiert. Mit Benham’s Know-how im Rücken stieg der Verein schon bald in die zweitklassige Championship auf, wo sich Brentford prompt im Spitzenfeld festsetzen konnte. Noch erfolgreicher verläuft Benham’s zweites Projekt: Seit 2014 ist der Brite auch beim dänischen Erstligisten FC Midtjylland am Ruder und durfte dort schon im Jahr darauf die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte bejubeln. Die Erfolge beruhen da wie dort nicht auf üppigen, Erdöl-getriebenen Millionen-Investitionen, sondern auf Zahlen, Daten, mathematischen Modellen und innovativen Schlussfolgerungen, die in der Branche einen regelrechten Hype ausgelöst haben. Mit datenbasierten Ansätzen versuchen nun auch große Klubs wie Manchester United und Real Madrid ihre Chancen auf Titel zu erhöhen. Längst ist die Thematik in der Breite angekommen und genießt auch beim SK Rapid immer größere Bedeutung, wie Stefan Oesen, Videoanalyst des SCR, bestätigt.

Daten wie die Zahl der Ballkontakte, die Dauer des Ballbesitzes, Laufstrecken oder die Geschwindigkeit der Spieler sind es, die für ihn und das grün-weiße Trainerteam interessant sind und die heute von immer hochauflösenderen Kameras dokumentiert werden. Immer mehr Firmen bündeln diese Informationen und werten sie aus: Die Opta Sport Daten AG liefert etwa Statistiken, Spieler- und Mannschaftsprofile, Live-Analysen und Spielvorschauen. Auf der Bundesliga-Website sind Heatmaps abrufbar, die zeigen, welche Räume Mannschaften oder Spieler während einer Partie abgedeckt haben. Taktiktafeln bündeln Ereignisse wie Torschüsse oder Pässe in anschauliche Analysen. Die Strategien der Mannschaften sind damit gläsern geworden – vorausgesetzt, man behält im Wust der immer größer werdenden Datenflut den Durchblick.

Stefan Oesen

Stefan Oesen, (c) Dieter Muhr

Stefan Oesen setzt in erster Linie auf Videoanalysen, für ihn die beste Form der Veranschaulichung. „Wir sammeln schon auch Daten, aber die dienen uns vor allem als Beleg dafür, was man im Video sieht.“ Das umfangreiche Material auszuwerten – und bei Spielen des SCR laufen immer Kameras mit – ist dann aber leichter gesagt als getan. „Bevor ich mit der Arbeit beginnen kann, muss ich zunächst wissen, was ich eigentlich analysieren will. Danach muss ich mir die entsprechenden Daten schaffen.“ Soweit, so klar. Doch was will Rapid analysieren? Warum all der Aufwand? Stefan Oesen: „Auf dem Platz prallen immer zwei Systeme, also zwei Formationen aufeinander. Ich überlege mir auf Basis der Daten: Wie kann man sich Vorteile gegenüber anderen schaffen. Was ist der Plan des Gegners? Wie kann man ihn knacken? Und abhängig davon müssen wir dann einen Plan entwickeln, um in bestimmten Räumen Überlegenheit durch Überzahlsituationen mit dem Ball zu schaffen.“

Weiterlesen in Forza Rapid #10.

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