Peter Persidis war kein Selbstdarsteller, weder als Spieler, noch als Trainer. Der gebürtige Wiener mit griechischen Wurzeln hielt sich stets bescheiden im Hintergrund, obwohl Persidis der erfolgreichste Titel-Sammler aller österreichischen Nachkriegs-Legionäre ist. Für Rapid absolvierte der siebenfache Teamspieler 209 Pflichtspiele, ein gutes Drittel davon als Kapitän. Auch im Trainergeschäft blieb der Libero seiner Co-Rolle, die er zumeist beim SCR spielte, treu.

Peter Dimitri Persidis, von Freunden „Mitso“ genannt, wurde am 8. März 1947 als Sohn einer Österreicherin und eines griechischen Gemüsehändlers geboren. Seine ersten Schritte in einem Fußballverein machte er beim Nussdorfer AC in seinem Heimatbezirk Döbling. Von Nussdorf aus fuhr er auch mit der Stadtbahn nach Hütteldorf, um ein Probetraining bei Rapid zu absolvieren. Erfolglos.

Start der Profikarriere auf der Hohen Warte

Anstatt es, wie empfohlen, ein Jahr später erneut zu probieren, ging Persidis zur Vienna. In der Saison 1967/68 debütierte der 20-Jährige in der Ersten. Gegen Ende der Spielzeit hatte Persidis seine Rapid-Premiere – die Vienna verlor am 4. Mai 1968 mit 0:1. „Persidis gab der Verteidigung Halt“, schrieb die Arbeiter-Zeitung. Während Rapid zum letzten Mal für viele Jahre den Meistertitel errang, wurde die Vienna Vorletzter der Nationalliga und stieg erstmals seit 1919 in die zweite Spielklasse ab. Immerhin gelang der sofortige Wiederaufstieg, und am 23. August 1969 spielte Persidis wieder gegen den SCR. Beim Ligaauftakt „trug auch Persidis das seine dazu bei“, der überlegenen Rapid ein 0:0 abzutrotzen. Am 17. Oktober 1970 verlor die Vienna gegen die Grün-Weißen zwar vor eigenem Publikum mit 1:2, aber „Persidis gehörte im Schlagerspiel zu den besten Döblingern“. Im Cup-Semifinale am 21. April 1971 spielte Persidis beim 3:1-Erfolg Rapids über den „Favoritenschreck Vienna“ eher schwach. Am 01. Mai 1971 bot sich im 50. Nachkriegsderby die Chance zur Revanche. Das 2:2 war ein Mosaikstein für den hervorragenden vierten Endrang der Blau-Gelben.

Die zweite Heimat ruft

Persidis‘ Leistungen weckten in der Heimat seines Vaters Begehrlichkeiten. Eigentlich waren zum damaligen Zeitpunkt keine Ausländer in der griechischen Liga erlaubt, aber bei Persidis wurde aufgrund seiner Wurzeln eine Ausnahme gemacht. Sowohl Olympiakos als auch Panathinaikos wollten sich die Dienste des 24-jährigen Liberos sichern. Am 30. Juni 1971 vermeldete die AZ: „Um Viennastopper Persidis ist ein Tauziehen zwischen Olympiakos Piräus und der Puskas-Elf Panathinaikos Athen entbrannt. Vienna ist im Prinzip bereit, Persidis abzugeben. Panathinaikos verhandelte gestern in Wien und bot mehr als Olympiakos.“ Zwei Tage später hieß es: „Persidis wird nun doch bei Panathinaikos landen. Heute sollen Abschlußverhandlungen geführt werden. Vertreter der Puskas-Elf erklärten, sie hätten von Olympiakos bereits die Zusage, daß der von Persidis unterschriebene Vertrag storniert wird.“ Am 14. Juli wurde der Transfer zur Groteske: „Anzeige gegen Persidis, weil er einen verlängerten Urlaub in Griechenland, dem Ziel seiner zukünftigen Fußballerlaufbahn, dem Trainingsbeginn auf der Hohen Warte, vorzog. Vienna-Sektionsleiter Rudi Röckl blieb dennoch gelassen, die Konsequenzen müsse Persidis tragen. Röckl: ‚Wir zeigen ihn wegen Vertragsbruchs an.‘“ Am 17. Juli spekulierte Röckl mit der Beantragung einer viermonatigen Sperre, allerdings: „Wie die Dinge liegen, wird es zwischen der Vienna und Olympiakos zu einer Einigung kommen. Dann wollen wir Persidis nichts mehr in den Weg legen.“ Am 23. Juli wurde endlich der Abschluss der Verhandlungen vermeldet – die Vienna verkaufte Persidis um 940.000 Schilling an Olympiakos und Röckl jubelte: „Jetzt sind wir schuldenfrei!“ Zudem gab es am 1. September ein Ablösespiel gegen Olympiakos in Athen.

Erfolge am laufenden Band

Die Rot-Weißen, zuletzt 1967 Meister, befanden sich gerade mitten in einer sportlichen Dürreperiode, doch Dimitri sollte seinen Vater schon bald sehr stolz machen. Bereits in seiner ersten Saison verpasste Persidis, der oft im zentralen Mittelfeld zum Einsatz kam, den Titel als Zweiter nur knapp. In der Saison 1972/73 war es dann soweit – Olympiakos gewann die 18. von inzwischen 40 Meisterschaften, und das mit nur einer Niederlage und dem nach wie vor gültigen Rekordwert von nur 13 Gegentoren. Außerdem feierte man den Sieg im Cup. Es war der Beginn der glorreichen Präsidentschaft von Nikos Goulandris (1972–76). Vom 3. Spieltag der Saison 1972/73 bis zur 27. Runde der Saison 1973/74 gelang Olympiakos gar die längste Serie ohne Niederlage (58 Matches). Der Stellenwert von Dimitris Persidis innerhalb der Mannschaft war enorm. 1973/74 folgten die nächsten Meilensteine: Wieder wurde die Meisterschaft gewonnen, dieses Mal mit den meisten Saisontoren aller Zeiten (102). Persidis steuerte fünf Treffer bei. Und das 11:0 gegen Fostiras bedeutete den nach wie vor höchsten Sieg in der griechischen Liga. Wermutstropfen: Das Pokalfinale gegen PAOK Saloniki ging im Elferschießen verloren, Persidis ließ seinen Versuch vom Punkt ungenützt. 1974/75 gewann Olympiakos das achte Double der Vereinsgeschichte – es war die erste Saison nach Beendigung der siebenjährigen Militärdiktatur. Internationales Highlight war der 3:0-Heimsieg gegen Anderlecht im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister Anfang November 1974. Wegen dem 1:5 beim Hinspiel in Brüssel fehlte allerdings ein Tor für den Aufstieg.

Heimweh führt Peter Persidis zu Rapid

Obwohl Persidis ein Held im Karaiskakis-Stadions war, zog es ihn zurück in seine „echte“ Heimat nach Wien. Und in Piräus begann mit dem Abschied von Dimitri, der wieder zum Peter wurde, die sportliche Talfahrt mit fünf Spielzeiten ohne Titelgewinn.
Bereits 1974 wollte Rapid Persidis verpflichten, aber Präsident Josef Draxler war über die Ablöseforderung derart entsetzt, dass er am Telefon seine Contenance verlor. Ein Jahr später war Persidis ein „Gelegenheitskauf“ – 30.000 Dollar, umgerechnet 500.000 Schilling, kostete Rapid die Verpflichtung jenes Mannes, der Mitte der Sechziger-Jahre noch vergeblich nach Hütteldorf wollte.
Am 7. Juli 1975 gab der Defensivmann beim Trainingsauftakt im ÖBB-Heim Kagran zu Protokoll: „In Griechenland gibt’s mehr Zuschauer und daher mehr Begeisterung. Ich glaube trotzdem, daß in Österreich besser gespielt wird. Ich mache das, was der Trainer von mir will, egal ob in der Verteidigung oder im Mittelfeld. Vor allem freut sich aber meine Familie mit mir, wieder zu Hause zu sein! Olympiakos wollte den Transfer noch in letzter Sekunde verhindern, aber glücklicherweise hatte ich die schriftliche Freigabe in der Tasche.“

Zahlen und Fakten

Im ersten Testspiel Persidis‘ für Rapid wurde der von Ernst Happel betreute FC Brügge überraschend mit 7:2 besiegt! Gerhard Gries von der AZ zu diesem Debüt: „Peter Persidis konnte den in ihn gesetzten Erwartungen nicht entsprechen. Er wirkt noch etwas steif, auch sein Tackling ließ zu wünschen übrig. Möglich, dass er das Training noch nicht voll bewältigt hat. Aber nach nur einem Spiel sollte man kein endgültiges Urteil abgeben.“ Weise Schlussworte, Herr Journalist! Bereits beim freundschaftlichen 2:2 gegen Max Merkels Schalker war Persidis „der Turm in der Schlacht“. Der 28-jährige Neuzugang hatte mit Kapitän Norbert Hof und Ex-Teamlibero Gerhard Sturmberger zwei arrivierte (Gegen-)Spieler um die Position des Freigeists in der Rapid-Abwehr. Beim Ligaauftakt gegen die Admira gewann Rapid in der Südstadt mit 1:0 und offenbarte Flexibilität: „In der unmittelbaren Abwehr gibt es jetzt ein neues ‚Libero-Gefühl‘: Persidis geht oft mit nach vorn, bleibt dann im Mittelfeld, für ihn übernimmt entweder Hof oder Pajenk den Libero-Posten. Die drei spielen abwechselnd Libero, Vorstopper oder zurückgezogener Mittelfeldspieler – je nach Bedarf. Gegen die Admira klappte dieses System lückenlos, vor allem Persidis bot die bisher erfreulichste Leistung seit er bei Rapid spielt.“ Trotz einer Knöchelverletzung etablierte sich Peter Persidis bei Rapid auf Anhieb, und der erste große Erfolg stellte sich bereits in seiner Premierensaison ein: Im Cupviertelfinale gegen Underdog SV Villach stellte er den knappen 2:1-Sieg mit einem Tor – es war einer von insgesamt vier Pflichtspieltreffern für Rapid – sicher. Die Hütteldorfer steigerten sich im weiteren Verlauf des Bewerbs und gewannen 1976 zum 9. Mal den Cup.

Pezzey verhindert große Teamkarriere

Nachdem Peter Persidis unter Leopold Stastny und Branko Elsner kein Leiberl im Team hatte, wurde er von Helmut Senekowitsch einberufen und debütierte am 10. November 1976. In Griechenland! „Ist Persidis ein Mann fürs Team?“, fragte sich AZ-Reporter Alfred Nimmerrichter nach dem 3:0-Sieg in Kavala und wusste sogleich die Antwort: „Ja! Er ist kein Drescher, er spielt auch aus bedrängter Lage den Ball überlegt ab. Dazu gutes Stellungs- und Kopfballspiel.“
Rund 15 Monate später, wieder Griechenland: Im AEK-Stadion, wo Helmut Senekowitsch manchen Spieler auf seine WM-Kader-Tauglichkeit überprüfte, bestritt Persidis sein letztes Teamspiel. Die ganze Abwehr verhielt sich laut AZ überheblich, Persidis aber „fand als Libero zu Pezzey und Weber guten Kontakt und löste sich mit diesen in der Aufgabenteilung geschickt ab. Mit Goalie Baumgartner gab es allerdings manches Mißverständnis.“ Es war das siebente und letzte Teamspiel von Persidis – der Wiener beendete seine Teamkarriere ungeschlagen. Und das eigentlich nicht in Griechenland (übrigens: auch sein viertes Länderspiel, ein 2:0-Heimsieg für Österreich, fand gegen die Griechen statt!), sondern bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Persidis war zwar Teil des Kaders, kam aber nicht zum Einsatz, weil es an Bruno Pezzey kein Vorbeikommen gab. Auch nach der Endrunde nicht. Dass ihm der große Durchbruch nicht vergönnt war, hat der elegante Libero nie beanstandet.

 

Weiter wichtige Rolle bei Rapid

Ab der Saison 1984 betreute Peter Persidis das Unter-21-Team Rapids und bereitete Jungstars wie Herzog, Pecl, Schöttel und Heraf auf ihre Profikarrieren vor. 1987 endete das Engagement aufgrund eines Wechsels zu Reebok. Hans Krankl wollte Persidis Ende der Neunziger zu seinem Co machen, aber der einstige Abwehrchef blockte ab. Persidis kehrte erst wieder nach Hütteldorf zurück, als ihm Heribert Weber 1998 den Posten des Assistenten anbot. Auch unter Ernst Dokupil blieb Persidis wichtigste Bezugsperson des Trainers und war für drei Spiele selbst Chefcoach (13.08. bis 05.09.2001), als „Dok“ gefeuert wurde. Nach der schwierigen Ära Matthäus kehrte Persidis 2002 abermals als Co-Trainer zurück, dieses Mal an der Seite von Josef Hickersberger, mit dem ihm der Titelgewinn 2005 gelang. Als „Hicke“ zum ÖFB wechselte, ging Persidis mit. Im abschließenden Gruppenspiel der Euro 2008 gegen Deutschland vertrat Persidis seinen auf die Tribüne verbannten Chef kurzfristig. 50 Minuten stand der Mann im Hintergrund urplötzlich im Flutlicht. Als Hickersberger ging, verließ auch Persidis den Betreuerstab des A-Teams und wechselte zum U-19-Team des ÖFB.
Wenig später, im Herbst 2008, dann die niederschmetternde Diagnose: Magenkrebs, wie bei seinen Eltern. Im Oktober musste Peter Persidis das Handtuch werfen. Über seinen Nachwuchsspieler Andreas Weimann sagte der zweifache Vater (Konstantin, Sophie) in einem seiner letzten Interviews: „Rapid hat es verabsäumt, ihm einen längerfristigen Vertrag zu geben.“

Das Kämpferherz schlägt nicht mehr

Am 21. Jänner 2009 erlag Peter Persidis im Alter von nicht einmal 62 Jahren seinem schweren Leiden im Wiener AKH. Loyalität und Bescheidenheit gehörten zu seinen Hauptmerkmalen – Charakteristika, die im modernen Fußball kaum mehr zu finden sind. Deswegen trauerten seine vielen Freunde nicht nur um einen erfolgreichen Sportsmann, sondern auch um einen „Klasse-Kumpel“. Mittelfeldmann Werner Walzer, als Aushilfs-Rechtsverteidiger hin und wieder Seite an Seite mit Persidis, erinnert sich: „Peters Tod war wie ein Keulenschlag! Er war ein gutmütiger Kerl, mit dem es nur ein gutes Auskommen geben konnte. Als Libero war er die Ruhe in Person. Peter hatte viel Übersicht, er war ein großartiger Dirigent und immens kopfballstark.“
Beim Länderspiel am 11. Februar in Graz gegen Schweden wurde eine Trauerminute für Peter Persidis abgehalten. Bestattet wurde er am Neustifter Friedhof in Wien. Im Jahr 2011 wurde in Floridsdorf der Persidisweg nach ihm benannt.

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