Der vergangene Herbst war für einige Freunde aus unserer Abo-Runde eine recht reiseintensive Zeit. Orte wie Borissow, Pilsen und Villareal, die wohl kaum zu den Hauptdestinationen eines klassischen Touristen zählen, wurden besucht.

Nun ging es bei diesen Kurztrips natürlich nicht primär um die besagten Orte, die ja auch nicht „freiwillig“ ausgewählt waren – wem fällt schon ein, Urlaubstage gerade in Weißrussland zu verbringen? Nein, diese Reisen waren gleichsam einer „höheren Idee“ geschuldet, einer Idee (und Praxis), die man im Fußballkontext mit dem prosaischen Begriff der Auswärtsfahrt zu bezeichnen pflegt.

Auswärtsfahrten von Fußballanhängern gibt es schon sehr lange, sie gehen mit der Ausweitung des Sports zu einem Spektakel der Popularkultur einher, wir finden sie zum Beispiel auch im Wien der 1920er-Jahre. Schon in der Zwischenkriegszeit begleiteten Rapid-Anhänger, die man damals „Schlachtenbummler“ (ein heute immer seltener gebrauchter Begriff) nannte, ihre Mannschaft zu Auswärtsspielen nach Nürnberg, Budapest oder Prag. Mit der Entstehung moderner Fußballfankulturen und der damit verbundenen eigenen Fansektoren („die Kurve“) im Verlauf der 1960er- und 1970er-Jahre ändert sich auch die vordem eher unverbindliche Schlachtenbummlerei. Von nun an zeichnet sich der „wahre Fan“ dadurch aus, dass er nicht nur jedes Heimspiel besucht, sondern auch regelmäßig auswärts seine Mannschaft lautstark unterstützt. „Auswärts nie dabei, Stolz der Polizei“, dieses Invektivum, gerichtet gegen jene im Publikum, die es bestenfalls gerade zu ausgewählten Heimspielen schaffen, offenbart nicht nur die Haltung gegenüber den staatlichen Ordnungshütern, es betont ausdrücklich die zentrale Bedeutung der Auswärtsfahrt.

Die gelegentlich dafür gebrauchte Metapher der Pilgerfahrt passt meiner Einer nicht so recht. Gewiss, manchmal hat die Reise etwas mühevolles (öfter gehts da eher laut und lustig zu) und erinnert an die mit dem klassischen Pilgern verbundene Leidenserfahrung, bloß der „heilige Ort“, Ziel und Sinn des religiösen Pilgerns, liegt im Fußball nicht in anderen Stadien, sondern daheim.

Universitätsprofessor Roman Horak hat sich jahrelang wissenschaftlich mit Fanthemen auseinandergesetzt und ist seit vielen Jahren im Besitz eines Abos bei Rapid.

Ursprünglich ist dieser Einwurf in der Ausgabe #7 erschienen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von Forza Rapid.

Hinterlasse einen Kommentar